Aufnahmen
Jede Notiz beschreibt einen Ort, die Messbedingungen und was dabei herauskam.
Die Werte sind Mittel aus mindestens drei Positionen im Raum; Ausreißer über 15 Prozent habe ich
verworfen und die Messung wiederholt.
Alle Nachhallzeiten sind T20-Werte, aus dem Abfall zwischen −5 und −25 dB extrapoliert, sofern
nicht anders angegeben. Als Anregung dient ein geplatzter Luftballon oder ein Sinus-Sweep über
Lautsprecher — welches von beidem, steht in der jeweiligen Datenzeile.
14. Juli 2026 · Fußgängerunterführung, Südhessen
Der Ort, an dem der Bass verschwindet
Bauart gefliester Beton, Tonne, beidseitig offen
Maße ca. 29 x 3,4 x 2,8 m (V ≈ 276 m³)
Anregung Sinus-Sweep 20 Hz - 20 kHz, 12 s
Störpegel 38 dB(A), Verkehr über der Decke
Positionen 3 (Mitte, je 6 m von den Enden)
| Oktavband | T20 gemessen | Sabine berechnet | Abweichung |
| 125 Hz | 1,41 s | 3,20 s | −56 % |
| 250 Hz | 2,55 s | 3,10 s | −18 % |
| 500 Hz | 3,02 s | 3,05 s | −1 % |
| 1 kHz | 3,11 s | 3,00 s | +4 % |
| 2 kHz | 2,88 s | 2,90 s | −1 % |
| 4 kHz | 2,10 s | 2,75 s | −24 % |
Von 500 Hz bis 2 kHz stimmt die Sabine-Rechnung erstaunlich gut — für einen Raum, der die
Voraussetzungen der Formel eigentlich verletzt. Interessant sind die Ränder. Bei 4 kHz greift die
Luftabsorption, die Sabine in dieser einfachen Form gar nicht enthält; das erklärt die Abweichung
nach unten zwanglos.
Bei 125 Hz ist die Erklärung eine andere. Die Unterführung ist an beiden Enden offen, und für
tiefe Frequenzen ist eine 3,4 Meter breite Öffnung kein nennenswertes Hindernis: Die Wellenlänge bei
125 Hz beträgt rund 2,7 Meter. Der Schall läuft schlicht hinaus. Für die Formel sieht das wie eine
sehr große Absorptionsfläche aus, obwohl gar nichts absorbiert wird — die Energie ist nur woanders.
Hörbar ist das deutlich: Schritte klingen hier dünner, als der lange, helle Nachhall vermuten
lässt. Wer nur den Gesamteindruck beschreibt, würde das Gegenteil behaupten.
28. Juni 2026 · Treppenhaus, Wohnhochhaus
Zwölf Stockwerke als Resonator
Bauart Sichtbeton, gewendelter Lauf, Podeste je Geschoss
Maße Schacht ca. 4,6 x 3,1 m, Höhe ca. 34 m (V ≈ 485 m³)
Anregung Luftballon, 3 Wiederholungen je Position
Störpegel 31 dB(A), Gebäude nachts
Positionen 3 (EG, 6. OG, 11. OG)
| Oktavband | T20 Erdgeschoss | T20 6. OG | T20 11. OG |
| 125 Hz | 4,05 s | 3,88 s | 3,71 s |
| 250 Hz | 3,80 s | 3,76 s | 3,60 s |
| 500 Hz | 3,52 s | 3,49 s | 3,41 s |
| 1 kHz | 3,30 s | 3,28 s | 3,22 s |
| 2 kHz | 2,95 s | 2,90 s | 2,84 s |
| 4 kHz | 2,21 s | 2,18 s | 2,09 s |
Bemerkenswert ist weniger die Länge des Nachhalls als seine Gleichmäßigkeit. Ein gerader Schacht
dieser Proportionen würde ausgeprägte stehende Wellen zwischen den parallelen Wänden zeigen, hörbar
als Flatterecho. Hier fehlt das fast vollständig.
Die Ursache ist die Wendel. Die Treppenläufe und die Podeste stehen schräg im Schacht und brechen
die Parallelität — akustisch dasselbe Prinzip wie ein Diffusor, nur unabsichtlich. Dass die Werte von
unten nach oben leicht abnehmen, passt dazu: Im obersten Geschoss ist der Anteil der Öffnungen zu den
Wohnungsfluren am größten.
Ein Treppenhaus wird nicht für den Klang gebaut. Dass es trotzdem gleichmäßiger
ausklingt als mancher bewusst geplante Raum, ist der eigentliche Fund.
2. Juni 2026 · Ladenlokal, Erdgeschoss
Derselbe Raum, zweimal gemessen
Bauart Putz auf Mauerwerk, Estrich, Gipskartondecke
Maße 11,2 x 6,4 x 3,1 m (V ≈ 222 m³)
Anregung Sinus-Sweep 20 Hz - 20 kHz, 8 s
Messung A 2. Juni, Raum vollständig leer
Messung B 30. Juni, 14 Regale (Holz, offen) an drei Wänden
| Oktavband | T30 leer | T30 mit Regalen | Differenz |
| 125 Hz | 1,55 s | 1,32 s | −15 % |
| 250 Hz | 1,74 s | 1,25 s | −28 % |
| 500 Hz | 1,86 s | 1,16 s | −38 % |
| 1 kHz | 1,90 s | 1,10 s | −42 % |
| 2 kHz | 1,81 s | 1,04 s | −43 % |
| 4 kHz | 1,52 s | 0,92 s | −39 % |
Das ist der sauberste Fall im Notizbuch, weil genau eine Variable verändert wurde. Die Regale sind
offene Holzkonstruktionen ohne Polsterung — nichts, was man als Absorber bezeichnen würde. Trotzdem
fällt T30 im Mittenbereich um über 40 Prozent.
Der größte Teil davon ist vermutlich gar keine Absorption, sondern Streuung: Die Regalböden und
-stützen zerlegen die glatten Reflexionen zwischen den parallelen Wänden in viele kleine, zeitlich
versetzte. Der Energieabfall wird dadurch gleichmäßiger, und ein gleichmäßiger Abfall lässt sich
besser extrapolieren — was die gemessene Nachhallzeit verkürzt, obwohl weniger Energie vernichtet
wird, als die Zahl suggeriert.
Wer den Raum vorher und nachher hört, beschreibt ihn als „trockener“. Das stimmt, aber die Ursache
ist eine andere als die naheliegende.
Ältere Notizen
Aufnahmen aus den ersten Monaten (Januar bis Mai 2026) sind noch nicht aufgearbeitet. Damals habe
ich ohne festes Messprotokoll gearbeitet, und die Werte sind untereinander nicht vergleichbar. Ich
gehe sie nach und nach durch und stelle sie ein, sobald ich die Bedingungen sauber rekonstruieren
kann. Rohaufnahmen, deren Messbedingungen ich nicht mehr belegen kann, kommen nicht hierher.