Räume klingen, auch wenn niemand hinhört
Ein Hallraum ist im Bauwesen ein Messraum mit absichtlich langer Nachhallzeit — harte,
unparallele Wände, kaum Absorption. Man baut ihn, um Materialien zu prüfen. Dieses Notizbuch macht
etwas Ähnliches, nur andersherum: Es prüft nicht Materialien, sondern Orte. Wie lange trägt ein
Geräusch in einer Bahnunterführung? Wie unterscheidet sich der Nachhall eines leeren Treppenhauses
von dem eines möblierten?
Seit Anfang 2026 nehme ich solche Orte auf und notiere, was sich messen lässt. Keine Musik, keine
Komposition — nur Impulsantworten, Nachhallzeiten und ein paar Zeilen darüber, warum ein Raum so
klingt, wie er klingt. Die meisten Orte sind völlig unspektakulär: Parkhäuser, Unterführungen,
Treppenhäuser, ein leerstehender Ladenraum. Genau das ist der Punkt.
Warum überhaupt messen
Man kann über Raumklang endlos schwärmen, ohne je etwas Überprüfbares zu sagen. Eine
Nachhallzeit dagegen ist eine Zahl. Die gebräuchlichste ist RT60: die Zeit, in der der Schalldruckpegel
nach dem Abschalten einer Quelle um 60 Dezibel fällt. In der Praxis misst man selten volle 60 dB —
der Störpegel ist zu hoch — sondern extrapoliert aus den ersten 20 oder 30 dB (T20, T30).
Sabine hat den Zusammenhang 1900 in eine Formel gegossen, die bis heute für den ersten Überschlag
taugt:
RT60 = 0,161 · V / A V = Raumvolumen in m³, A = äquivalente Absorptionsfläche in m²
Die Formel setzt ein diffuses Schallfeld voraus — gleichmäßig verteilte Energie, gleichmäßig
verteilte Absorption. Eine Unterführung erfüllt das nicht einmal ansatzweise. Trotzdem ist der
Vergleich zwischen berechnetem und gemessenem Wert oft aufschlussreicher als jede der beiden Zahlen
für sich: Wo die Messung deutlich unter Sabine liegt, sitzt die Absorption meist konzentriert an
einer Stelle, statt sich über den Raum zu verteilen.
Zuletzt notiert
14. Juli 2026 · Unterführung
Der Ort, an dem der Bass verschwindet
Eine Fußgängerunterführung mit gefliesten Wänden, knapp 30 Meter lang. Erwartet hatte ich einen
langen, hellen Nachhall. Gemessen habe ich das Gegenteil im Tiefton: unterhalb von etwa 120 Hz fällt
T20 deutlich ab. Die Ursache ist vermutlich die offene Geometrie an beiden Enden — tiefe Frequenzen
laufen einfach hinaus, statt zu verweilen.
Vollständige Notiz und Messwerte →
28. Juni 2026 · Treppenhaus
Zwölf Stockwerke als Resonator
Ein Treppenhaus ist akustisch eine seltsame Sache: ein sehr hoher, sehr schmaler Raum mit einer
Wendel darin. Die Wendel bricht die stehenden Wellen, die ein gerader Schacht hätte — hörbar als
ungewöhnlich gleichmäßiges Ausklingen ohne das typische Flatterecho.
Vollständige Notiz und Messwerte →
2. Juni 2026 · Ladenlokal
Derselbe Raum, zweimal gemessen
Ein leerstehendes Ladenlokal, einmal völlig leer und vier Wochen später mit eingebauten Regalen.
Es ist der bislang klarste Fall im Notizbuch, weil sich genau eine Variable geändert hat. T30 fiel
bei 1 kHz von 1,9 s auf 1,1 s.
Vollständige Notiz und Messwerte →
Was hier nicht steht
Keine genauen Adressen. Die meisten Orte sind halböffentlich, einige sind Privatgelände, das ich
mit Erlaubnis betreten habe. Ich beschreibe Bauart, Maße und Material — das ist für die Akustik das
Relevante — nicht die Hausnummer.
Auch keine Kaufempfehlungen. Womit ich aufnehme, steht auf der Technik-Seite,
aber das ist eine Beschreibung, kein Ratschlag. Ein Raum klingt nicht besser, weil das Mikrofon
teurer war.